|
In einer Wintersnacht (Diese Worte sind vielleicht nicht mehr als eine Tagebuchaufzeichnung, die in einer verlassenen Taverne gefunden wurde, doch wer weiß, ob sie nicht irgendwann einmal - in ferner Zukunft - einen entscheidenden Einfluß auf die Geschichte haben werden...)
Ich erinnere mich noch so genau an den Tag, der damals mein Leben veränderte,
als wäre es gestern gewesen. Wenn ich die Augen schliesse, höre ich, wie die Tür
gegen den Türstock schlägt, spüre den kalten Windhauch, der wie ein Atemzug
durch den Raum wirbelt, und wenn ich mit der Zunge über meine Lippen fahre,
kann ich beinahe den Schnee schmecken. Aber damals ist nicht heute.... Und heute ist alles anders. Es war kein normaler Tag in
unserem kleinen Dörfchen. Wir - damit meine ich die Dorfbewohner und mich
- liebten es gemütlich und ruhig. Ich führte eine alte Taverne, die mein
Vater mir überlassen hatte, und ich war zufrieden damit. Die Leute kamen
und die Leute gingen, und niemals geschah etwas. Es war vermutlich die
schönste Zeit meines Lebens. Doch was an jenem schicksalsschwangeren
Tag passierte, davon darf nie jemand erfahren. Und ich habe es niemals
jemandem erzählt. Die Bürde ist zu gross und die Wahrheit zu grauenvoll,
als dass man jemand anderen guten Gewissens damit belastet hätte. Es war der Tag nach der Wintersonnenwende,
und es war bitterkalt. Trotzdem versorgte ich meine üblichen Stammgäste
mit Getränken und sorgte dafür, dass es ihnen warm ums Herz blieb. Die
Nacht war längst hereingebrochen und hatte einen Schneesturm gebracht,
den ich schlimmer noch nicht erlebt habe, weder damals noch irgendwann
anders bis in die heutige Zeit. Der Himmel selbst schien geborsten zu
sein, und die Splitter prasselten wie riesige Eiskristalle auf die Welt.
Ich hatte gerade die letzten nüchternen Gäste verabschiedet und wollte
mich nun an die schwierigen Fälle machen, die Betrunkenen. Ich rang mit
mir, sie in meiner Taverne übernachten zu lassen, doch wer konnte schon
sagen, ob sich der Sturm morgen früh gelegt haben würde? Egal, welches
Wetter draussen tobte - niemand hatte es weit bis nach Hause, und bei
mir bis zum nächsten Morgen verweilen durften nur die, deren Glieder so
gut wie tot waren. Ich schüttelte den alten Bärtram
und versuchte ihm Wasser einzuflößen, doch er grunzte nur und drehte sich
zur Seite. Gerade war ich dabei, es noch einmal zu probieren, als der
Sturm so stark wütete, dass er die Tür aufriss und mit einer solchen Wucht
gegen den Türstock schlug, dass die Nieten heraussprangen, um sich auf
dem Boden zu verteilen. Ich weiss bis heute nicht, ob es tatsächlich das
üble Wetter war, das die Tür geöffnet hatte. Denn in dem Moment, als der
Wind in die warme Stube rauschte, galt mein Blick etwas völlig anderem:
Eine fremde Gestalt kniete draussen, mitten im harten Schneegestöber,
und machte keine Anstalten, sich zu bewegen. Ich wusste nicht, wer oder
was sie war und ob sie überhaupt ein Mensch sein konnte, denn sie war
so schwarz wie die Nacht selbst. Ich glaube, sie war sogar noch schwärzer,
denn draussen war es stockfinster, und trotzdem hatte ich keine Mühe,
sie zu erkennen. Ich konnte nicht mit ansehen,
wie eine arme Seele in diesem Sturm saß und zugrunde gerichtet wurde,
und so kämpfte ich gegen den Schnee an und vergaß für einen Moment das
Stechen der winzigen Kristalle in meinen Augen und auf meiner Haut. Die
Kleidung des Fremden war seltsam und ließ sich nicht richtig packen, aber
nach etlichen Versuchen brachte ich es doch fertig und zerrte die Gestalt
in die Taverne. Mit halb erfrorenen Händen schloss ich die Tür und verharrte
einen erleichterten Moment lang, als es plötzlich wieder still um mich
herum wurde. Die neugewonnene Ruhe wurde
jäh unterbrochen von einem schweren Hustenkrampf des Fremden. Schnell
wollte ich der Person die Jacke vom Leib reissen, und erst jetzt merkte
ich, dass der Stoff weder kalt war noch nass. Er fühlte sich geradezu
geschmeidig an, als hätte man ihn in Öl getränkt und mit Fett eingeschmiert,
und doch blieben meine Hände sauber, als hätte ich die Kleidung gar nicht
berührt. Aber ich konnte das Ding nicht entfernen, und so tat ich das
einzige, was mir in dieser Situation einfiel: Ich schenkte einen Krug
so randvoll mit warmer Milch, dass ich auf dem Weg die Hälfte der Flüssigkeit
auf dem Fußboden verteilte, und brachte es dem Fremden. Zwei dunkle Handschuhe
glitten unter dem Umhang hervor, fassten den Krug und verschwanden damit
unter der Jacke. Eine Sekunde später bekam ich das Gefäß zurück, ohne
dass ein Schluck gefehlt hätte. Der schwarze Umhang schüttelte sich und
hustete erneut, diesmal so heftig, dass er nach hinten fiel und reglos
liegen blieb. Ich wartete eine angemessene
Zeit lang, und als noch immer nichts geschah, nahm ich das zerbrechliche
Bündel vorsichtig auf und trug es in eines der leeren Gästezimmer im ersten
Stock. Der Fremde war leichter, als ich angenommen hatte, trotz seiner
nicht geringen Größe. So behutsam wie möglich legte ich die Gestalt auf
ein Bett. Ich spürte, wie sie zitterte, als würden ihr noch immer die
Eiskristalle ins Gesicht prasseln. Ihre Züge lagen im Dunkeln, der Umhang
verhüllte ihr Antlitz und schmiegte sich wie eine zweite Haut an ihren
Körper. Ich suchte lang, bis meine Hände sicheren Halt an ihrem Gewand
fanden, und ich brauchte noch länger, um den seltsamen
Stoff zurückzuwerfen. Als ich endlich das Gesicht freigelegt hatte,
stockte mir der Atem. Überrascht und erschrocken taumelte ich nach hinten,
und ich wäre wohl hingefallen, hätte der Fremde mich angesehen. Unter der Kapuze war kein Gesicht
aus Fleisch und Blut zum Vorschein gekommen, sondern eine Mischung aus
Schwärze und hellgrauen Schatten. Finsternis schien sich dort zu verfestigen,
wo man Nase, Wangen und Mund vermutet hätte. Lediglich ein dunkelblaues
Paar Augen war alles, das an einen Menschen erinnerte. Die Augen – diese
unnatürlichen Funken, die auf einem Grund aus längst verloschener Asche
lagen – starrten wie tot an die Decke empor. Es war ein Serabi. Wir Menschen kennen sie unter
vielen Namen, ich glaube, einer der gebräuchlichsten lautet Reminis, abgeleitet
von Reminiszenzen. Denn mehr als Reminiszenzen einer früheren Rasse sind
sie nicht, wie man sagt. Es heisst, vor langer, langer Zeit hätte einst
eine hohe Rasse gelebt, die sich jedoch durch ihre zu große Macht selbst
zugrunde richtete. Die schwarzen Schatten, die Serabi, sind lediglich
die Reminiszenzen des hohen Volks, nicht viel mehr als eine Erinnerung,
die Gestalt angenommen hat... Der Fremde hustete erneut. Er
starrte zur Decke und senkte langsam seinen Blick, bis er mich musterte.
Aus irgendeinem Grund erwartete ich Traurigkeit, unendlich tiefe Traurigkeit,
doch da war nichts. Nur diese ausdruckslose Leere, als wäre der Schatten
längst tot und hätte es selbst noch nicht gemerkt. „…enka’mik“ flüsterte der Serabi
fast tonlos in einer fremd anmutenden Sprache. Die Schatten in seinem
Gesicht warfen Wellen, flossen wieder zusammen und wurden bleich. Trotz
meiner Angst vor diesem Unbekannten Wesen wusste ich, dass es nicht vorhatte,
mir Leid zuzufügen. Im Gegenteil, es war dem Tode nah, und es schien um
Hilfe zu flehen. Ich beugte mich vor sein Gesicht. „Was…“ begann ich zögernd und
voller Unbehagen. „Was hast du gesagt?“ „… kaeh’miech“ wisperte das
Wesen, wieder in dieser fremden Zunge. Und doch schienen die Laute seltsam
vertraut. Ich legte dem Serabi die Hand auf den Umhang. Nun sprach der Fremde zum dritten
Mal zu mir, und jetzt, wo er mir so nah war - jetzt verstand ich endlich!
Die Worte bedeuteten nichts anderes als entkleide mich. Ich wusste nicht, warum ich
es tun sollte, ich hatte keinerlei Ahnung, was die Gestalt überhaupt von
mir wollte, doch in diesem Moment konnte ich nicht anders als zu gehorchen.
Kleidungsstück um Kleidungsstück fiel von der Person herab, plötzlich
saß der seltsame Umhang gar nicht mehr so fest, ließ er sich mühelos lösen. Als der schwarze Leib nackt
vor mir lag, erkannte ich zum ersten Mal, dass ich eine Frau vor mit hatte.
Serabi sind anders als Menschen: Sie besitzen nicht die gleichen Körperproportionen
und haben keine Rundungen an den Stellen, wo sie einem vertraut wären.
Doch der Schatten weckte ein schlafendes, unterschwelliges Gefühl
der Weiblichkeit... Eine schwarze Hand schoss hervor
und krallte sich in meinem Arm fest. Die Serabi wand sich, doch schon
bald verfiel sie wieder in ihre ruhige, todesähnliche Starre. Ihre blauen
Augen sahen mich an, und ich konnte eine Regung der Wärme darin erkennen.
Ihre Lippen bewegten sich, doch tonlos, ohne einen Laut. Wieder beugte ich mich über
den Schatten, und wieder verstand ich, was er mir zuflüsterte. "... sterbe... bald..." Ich schluckte. "... rette..." Ihr Blick wurde unstet, ihre
Hände zuckten, umschlossen ihren Bauch. "... rette... mein Kind..." Ich riss mich von ihrem Antlitz
los, taumelte nach hinten und suchte nach Worten. Ihr Kind! Die Serabi
war schwanger, doch nicht mehr stark genug, ihr Kind zur Welt zu bringen!
Fast wäre es mir zu viel geworden. Es hätte nicht viel gefehlt, dass ich
panisch den Raum verlassen hätte, doch eine ungewohnte innere Stärke hielt
mich zurück. Ich atmete tief ein und näherte mich dem Schatten. Die Serabi war nun bleicher geworden. War sie vorhin
noch unergründlich schwarz gewesen, so war ihre Haut nun hell, fast gräulich,
und ein blasser Film hatte sich über ihre Augen gelegt. Sie musste dem
Tod ins Angesicht geblickt haben, während sie die letzten Worte sprach,
die ich aus ihrem Munde hörte. "... rette mein Kind..." flüsterte sie
schwach, aber fest. "... nur er kann das Dunkel noch zurückdrängen.
Seine Armeen werden stärker, doch wenn er lebt, wird er ihnen Einhalt
gebieten." Sie schien zu lächeln, als sie meine Hand nahm, mir
in die Augen sah und sagte: "Gib ihm das Schwert, das ich bei mir
trage. Er wird wissen, wie damit umzugehen ist. Er ist... der Auserwählte..." Sie sank zurück auf das Bett, doch nicht vor Erschöpfung.
Sie hatte ihr Leben ausgehaucht, und ich wusste, dass es nun auf jede
Sekunde ankam. Ich habe keine Erinnerung mehr an das, was ich als
nächstes tat. Vielleicht war es ihr Geist, der noch nicht ganz verschwunden
war und mich leitete, vielleicht war es auch einfach nur Glück. Jedenfalls ist das nächste, was mir noch in Gedanken
hängen blieb, der Körper eines kleinen Schattens, der in meinen Armen
ruhte. Ich fühlte den Puls eines winzigen Herzens und wusste, dass der
Junge am Leben war. Doch ich hielt nicht nur das Leben eines Neugeborenen
in meinen Händen, sondern das Schicksal eines ganzen Landes.
Über Fünfzig Jahre sind nun schon seit den Geschehnissen dieser Nacht vergangen,
doch es vergeht kein Tag, an dem ich nicht an den schwarzen Schatten denke,
wie er auf meinem Bett liegt und langsam verblasst. Ich sehe ihre Augen, ihre strahlend
blauen Augen in diesem finsteren Gesicht. Sie blicken mich an, und für
einen Moment bin ich bereit, alles zu tun, um ihr Leid zu lindern. Doch ich war nicht stark. Ich
war nicht stark. Ich hatte Angst, den anderen
Dorfbewohnern vom jungen Serabi zu erzählen. Ich fürchtete, als Hexer
oder Dämon bezeichnet zu werden, und so versuchte ich, das dunkle Kind
heimlich aufzuziehen. Aber ich wusste nicht, was der
Schatten essen oder trinken konnte, und alles, was ich ihm einzuflößen
versuchte, spuckte er wieder aus. Auch als er zwei Nächte später
in einem Fieberkrampf auf seinem Bettchen lag, war ich zu feige, jemandem
von ihm zu erzählen. Der Junge starb nur wenige Stunden
später. Ich vergrub seinen schlaffen,
grauen Leib gleich neben der Stelle, an der ich auch seine Mutter im Wald
hinter meinem Haus beerdigt hatte. Seitdem verlor ich nie wieder ein Wort
über diese Nacht. Das einzige, was mir blieb, war das Schwert, das die
Serabi bei sich getragen hatte: Es war, so wie die Serabi selbst, nicht
mehr als ein Schatten. Eine schlanke, spitze Nadel aus völliger Dunkelheit,
die alles Licht in sich aufzunehmen schien. Ich versteckte das Schwert an
einem sicheren Ort und hoffte, die Gedanken an jene Nacht für immer verdrängen
zu können.
Es war in der darauffolgenden Morgendämmerung, als sie kamen. Sie plünderten und brandschatzten
und vergewaltigten. Sie schrien und schlugen, folterten und tranken das
Blut der geschändeten Opfer. Sie waren die Vorboten einer Armee, die in
unser Land einfiel und es für immer verändern sollte. Und ich wusste, wonach sie suchten. Ich war der einzige, der wusste, dass all das Morden
für sie einen Sinn hatte. Sie suchten, drei ganze Tage lang. Doch sie
fanden sie nicht. Weder die Serabi noch das Schwert. Und als sie wieder
fort waren, wurde alles anders. Die Horden überzogen das Land, verkrüppelten,
versklavten, töteten. Ihr Herrscher war mächtig, ihre Feinde geschlagen. Sie nahmen sich, was sie wollten, ohne danach zu
fragen. Auch von mir bekamen sie, wonach sie trachteten, selbst ohne es
zu wissen: Mein Schweigen. Ich habe bis zum heutigen Tage niemals jemandem von
jener Nacht erzählt, und niemals erfuhr jemand von dem Schwert. Ich verdamme mich selbst dafür, dass mein ruhiges,
geregeltes Leben mir mehr Wert war als das Schicksal eines Neugeborenen,
doch ich kann es nicht mehr ändern. Ich bin alt, meine Glieder sind schwach, und ich
werde die heutige Nacht nicht überleben. Ich weiss es. Spüre es. Um meine
Hüfte habe ich einen Gürtel geschnallt, an dem das Schwert hängt, und
ich habe mir den Mantel übergeworfen, den sie einst trug, als sie
in meine Taverne kam. Er ist unversehrt. Er wird mich eine Zeit lang unsichtbar
machen, doch irgendwann wird mich jemand finden. Draussen tobt ein Schneesturm, so heftig, dass man
die Hand nicht vor Augen sehen kann. Ich höre seine Stimme. Sie ruft nach
mir. Ich öffne die Tür, lecke den Schnee, der sofort meine
Lippen benetzt. Die Flocken wirbeln um mich herum, hüllen mich ein. Wieder höre ich das Geräusch des Sturmes, der sich
Einlaß in meine Taverne verschafft, wieder spüre ich den Windhauch, der
mich erschauern lässt. Es ist wie damals, und doch so anders. Ich werde nun meine letzte Reise antreten, ohne zu
wissen, wohin sie mich führt. Während ich an sie denke, umklammere
ich den Griff des Schwertes und trete hinaus in den Schnee.
|